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| Lebendgebärende: Zu dick und zu teuer! |
| Onlinemagazin - Bücher | |
| Geschrieben von: Michi Tobler | |
| Freitag, den 28. November 2008 um 21:27 Uhr | |
"Alle Lebendgebärenden der Welt" von Michael Kempkes und Frank Schäfer, A. C. S. (aqualog), Mörfelden-Walldorf. Hardcover, viele Bilder und einige Zeichnungen, Texte in deutsch und englisch. ISBN: 3-931702-77-4. Preis: € 86. 80 bei www.amazon.de, SFr. 168 bei www.buch.ch
Der Titel „alle Lebendgebärenden“ ist zwar schon 1998 erschienen, ein bisschen verspätet möchte ich aber doch meinen Eindruck zum Buch kundtun. Michael Kempkes und Frank Schäfer haben es sich zur Aufgabe gemacht, alle lebendgebärenden Fische der Welt mit Farbabbildungen zu katalogisieren, so impliziert das jedenfalls der Titel auf dem Buchdeckel „alle Lebendgebärenden“. Abgedeckt werden in diesem Band der mittlerweile ganz bekannten Aqualogkataloge – oder Bilderbüchlein, wie sie böse Zungen auch nennen – die Familien der Hochlandkärpflinge (Goodeidae), der Vieraugen und Linienkärpflinge (Anablepidae), den Lebendgebärenden Zahnkarpfen (Poeciliidae, Poeciliinae) und die Halbschnabelhechte (Hemiramphidae). Konsequenterweise sollen laut den Autoren auch die eierlegenden Arten aus diesen Familien abgebildet werden. Ausgenommen sind dabei die eierlegenden Arten der Familie der Goodeidae, die bereits in einem anderen Band besprochen wurden. Ehrlicherweise müssten die Autoren aber eingestehen, dass dies auch für die eierlegenden Arten der Familie der Poeciliiden gilt, denn über die Unterfamilien Aplocheilichthyinae und Fluviphylacinae verlieren sie kein Wort. Auch der Titel hält nicht ganz was er verspricht: Zwar werden zumindest die lebendgebärenden Arten besprochen, die mehr oder weniger regelmässig auch als Zierfische gehalten werden. Man erfährt aber nicht, dass Viviparie, die Eigenschaft lebende Jungtiere auf die Welt zu bringen, bei Fischen viel weiter verbreitet ist. Arten aus den verschiedensten Knochenfischfamilien wie auch verschiedene Haie und Rochen bringen nämlich lebende Junge zur Welt. Das Buch ist in verschiedene Teile gegliedert. Zunächst folgt eine knappe Einleitung, in der zum einen die Entwicklungsgeschichte der „Lebendgebärenden“ besprochen wird. Weniger ist leider nicht immer mehr, denn nur einige undifferenzierte, pauschale Aussagen kann man hier finden. Es wird nicht einmal zwischen den vier im Buch enthaltenen Familien unterschieden. Auch das Phänomen der Hybridogenese wird angesprochen. Die Autoren verstehen darunter die Bildung von sich erhaltenden Bastardpopulationen aus zwei verschiedenen Elternarten. Gerade bei Poeciliinen sollte man aber vorsichtiger mit diesem Ausdruck umgehen. Hybridogenese beschreibt nämlich den speziellen Fortpflanzungsmechanismus der halbklonalen Arten der Gattung Poeciliopsis. Der Prozess der Bildung von Artbastarden sollte besser Hybridisierung genannt werden. Besonders verwirrend wird diese unglückliche Wortwahl dann, wenn die bereits erwähnten Poeciliopsis richtigerweise als Beispiel für die Bildung von sich erhaltenden Bastardpopulationen (Hybridisierung) herangezogen werden, die sich dann eben mittels Hybridogenese (einem halbklonalen Erbgang) fortpflanzen. Die ebenfalls erwähnten Amazonenkärpflinge sind ebenfalls durch Hybridisierung entstanden, pflanzen sich mittels Gynogenese fort (einem klonalen Erbgang). Anschliessend folgt ein Gattungsteil, in dem alle Gattungen der entsprechenden Familien kurz besprochen und mit einer stilisierten Grafik abgebildet werden. Diese Kurzsteckbriefe sind mehrheitlich gut recherchiert. Es gelang den Autoren hier, viele Informationen zu bündeln und allgemein verständlich darzulegen. Zugegebenerweise hatten sie dabei kein leichtes Spiel, ist doch gerade die Grobsystematik der Poeciliinae im ständigen Umbruch. So werden einige Leser Gattungen entdecken, von denen sie noch nie etwas gehört haben (z. B. Alloheterandria oder Pseudopoecilia). Der Grund dafür ist, dass in dieser Unterfamilie zahlreiche Gattungen beschrieben sind, die von gewissen Leuten als Synonyme älterer Gattungen gedeutet werden, von anderen aber als valide. Besonders gelungen finde ich, dass für einige Gattungen der Familie der Hemiramphidae Schlüssel zur Artbestimmung erstellt wurden, damit jeder nachvollziehen kann, nach welchen Kriterien die Autoren die Arten bestimmt haben. Michael Kempkes widmet sich anschliessend ausführlich den Zuchtformen Lebendgebärender Zahnkarpfen. Die verschiedensten Formen von Guppys, Mollys, Platys und Schwertträgern sind ja im Handel vorhanden und bei Liebhabern sehr beliebt. So ist vieles zu erfahren über die Entstehung von Zuchtformen und die vielen Varianten, die bisher bekannt sind. Auch die Haltung und Zucht werden kurz angesprochen. Kempkes äussert sich dabei nicht unkritisch: Auch ein in Abschnitt über unerwünschte Zuchtformen wie Ballonmollys oder Giessener Guppys fand seinen Platz. Schliesslich folgt ein gewohnt üppiger Bildteil, der über 270 Seiten in Anspruch nimmt. Zu jedem Bild werden kurze Infomationen in Form von Symbolen gegeben, ein Konzept über das man sich sicherlich streiten kann. Immer wieder stösst man auf tolle Bilder der verschiedensten Bildautoren. Unglaublich beispielsweise die wunderschön gefärbten Mollys, die Uwe Werner in den verschiedensten Teilen Mittelamerikas fangen konnte. Auch von Arten, die man anderweitig nur höchst selten abgebildet sieht, kann man hier Fotos finden und sonst sind sie wenigstens mit einer Zeichnung vertreten. Hie und da findet man aber qualitativ schlechte Bilder. Besonders schade ist das dann, wenn eine Art schon in guten Abbildungen vorgestellt wird. Das erhöht unnötigerweise nur den Umfang des Buches. Um „den vielen fleissigen Züchtern ihren Respekt zu zollen“ gestehen die beiden Autoren den Zuchtformen einen „so breiten Raum ein, wie er noch nie zurvor in einem Buch zu finden war“. Und das ist wahr! Fast hundert Seiten lang wird ein farbiger Fisch nach dem anderen abgebildet. Als bekennender Liebhaber von Wildformen, hat mich das in den Augen zwischendurch richtig geschmerzt. Es ist zwar imposant, wie viele Formen im Laufe der Zeit herausgezüchtet wurden. Ich weiss allerdings nicht, ob es wirklich nötig war, so viele verschiedene Farbschläge, die sich manchmal kaum unterscheiden, abzubilden. Fazit: Alle Lebendgebärenden ist ein Buch in typischer Aqualog-Manier. Die Sammlung von Abbildungen solcher Fische ist bestimmt einmalig und nirgenswo anders zu finden. Bei dieser Fülle von Bildern ist die Infomationsdichte leider etwas auf der Strecke geblieben. Das Einfügen von qualitativ schlechteren Bildern und den Unmengen von Zuchtformen hat das Volumen des Buches mächtig aufgeblasen. Unnötigerweise, wie ich finde. Eine stärkere Selektion bei der Bildauswahl hätte vielleicht auch den Preis auf ein erträgliches Niveau gesenkt. Bestimmt kann man durch dieses Buch einen Eindruck über die Bandbreite dieser Fischgruppen erlangen. Ich glaube aber kaum, dass es eine grosse Hilfe zur Bestimmung von einzelnen Arten ist, wie sich das die Autoren wünschten, denn die Merkmale die zur Artbestimmung nötig wären, kann man auf Fotos oft nur schlecht erkennen (z. B. die Strukturen der Gonopodien bei Poeciliinen). Der hohe Preis allein wird schon dafür sorgen, dass nur Liebhaber (oder gar Verrückte) dieses Buch kaufen. Schade eigentlich, denn eine abgespeckte Version hätte bestimmt grossen Anklang gefunden, sind diese Fische doch äussert spannende und beliebt Aquarienpfleglinge. Michi Tobler
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| Zuletzt aktualisiert am Sonntag, den 30. November 2008 um 07:31 Uhr |
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